Neue Kunst in alten Mauern
Wo jahrhundertelang Kühe und Pferde lebten, zogen vor
40 Jahren Gemälde und Skulpturen ein:
Die Familie Eymael aus Wustrow baute in ihrer Kunstscheune eine Galerie auf, die jeden Sommer neue Werke zeigt.
Diese Ausstellung ist gewissermaßen auf Sand gebaut: Der Scheunenboden ist mit feinem, hellem Material direkt vom Strand bedeckt, das in schönem Kontrast zu den dunklen Balken des alten Gebäudes steht. Hier kommen Bilder, Fotos und andere Kunstwerke besonders gut zur Geltung. 1985 wurde in Barnstorf, einem Ortsteil von Wustrow, die erste Ausstellung eröffnet, und niemand ahnte damals, dass es nicht bei dieser einen bleiben würde.
Rückblick, 700 Jahre
Ganze vier Gehöfte gibt es hier draußen auf der Landzunge am Bodden, sie werden „Hufen“ genannt. Ihre Geschichte reicht zurück bis ins Jahr 1385. „Damals wurde Barnstorf das erste Mal erwähnt“, erzählt Gabriele Eymael. Sie lebt seit mehr als 40 Jahren mit ihrer Familie hier. „Diese Bau-ern durften auch Pferde halten, anders als die Büdnereien.“ Auf dem großen Hof stehen drei historische Gebäude: ein typisches niederdeutsches Hallenhaus, in das früher die Pferdefuhrwerke hineinfahren konnten, die Scheune und der ehemalige Schweinestall direkt am Weg, „denn die Schweine mochte man früher nicht im Wohnhaus haben.“ Bis heute ist die Struktur des mittelalterlichen Ortsteils unverändert, die Häuser sind reetgedeckt.
Die Heimatschriftstellerin Käthe Miethe schrieb einmal, „… daß man nur auf leisen Sohlen den Weg zu ihnen hinausgehen mag und sich fast ein wenig scheut, zu laut von ihnen und ihrer stillen Schönheit zu erzählen.“ Gabriele Eymael wird immer warm ums Herz, wenn sie diese Sätze liest, sagt sie. „Es ist tief im Bewusstsein der Wustrower, dass Barnstorf so bleiben muss, wie es ist.“ Gerade nach der Wende hat es Pläne gegeben, hier einen Golfplatz anzulegen oder neue Häuser zu bauen – alle Vorhaben scheiterten am Widerstand der Einwohner.
Rückblick, 40 Jahre
Dass die Familie Eymael auf diesem Grundstück landete, war das Ergebnis einer ganzen Reihe von Zufällen. Da war zunächst Gabriele, die in Berlin studiert hatte, danach aber nicht die ihr zugewiesene Anstellung als Lehrerin in Guben antreten wollte. „Irgendwann gab es dieses Angebot von der Seefahrtsschule Wustrow“, erinnert sie sich. Dort traf sie Peter, den angehenden Kapitän. Die gemeinsame Familiengeschichte begann mit der Hochzeit 1970, kurz darauf wurden Sohn und Tochter geboren. Es folgten mehrere Umzüge innerhalb des Ortes, bis ein richtiges Zuhause gefunden war: „Ich hatte mir so ein schönes Kapitänshaus vorgestellt, aber da war nicht ranzukommen, die blieben immer in den jeweiligen Familien. Irgendwann hörten wir von älteren Leuten, die ihren Bauernhof abgeben, aber in Wustrow bleiben wollten. Also haben wir einfach getauscht.“
Das war 1982, das ganze Objekt war in nicht allzu gutem Zustand, „Das Schlimmste waren die Dächer, es regnete an manchen Stellen bis in die Wohnräume durch. Und frisches Rohr war kaum zu bekommen.“ Die Scheune war baufällig und sollte abgerissen werden. „Aber in einem besonders schneereichen Winter merkten wir, dass so ein geschlossenes Gehöft auch schützt, besonders hier zwischen den Feldern und dem Bodden“, erzählt die 83-Jährige heute. Über viele Jahre war sie mit den Kindern oft allein, während ihr Mann zur See fuhr. Und auf dem Hof gab es immer viel zu tun. „Aber wir hatten Freunde, die oft zu Besuch kamen und uns geholfen haben.“ Erst 2004 kehrte Kapitän Peter Eymael endgültig an Land zurück.
Eine Galerie für die Region
Die Karriere der alten Scheune als Galerie begann jedoch schon viel früher, nämlich zur 750-Jahr-Feier von Wustrow. „Das war noch zu DDR-Zeiten, 1985“, erzählt Gabriele Eymael. „Es wurde ein großes Fest. Mich hatte man gefragt, ob ich eine Ausstellung machen würde mit allen Künstlern der Gegend – auch denen, die hier im Urlaub waren.“Darunter war das Künstlerpaar Lucke aus Weißenfels, das jeden Sommer in Barnstorf verbrachte. Die beiden hatten ein ganzes Auto voller Keramik mitgebracht, wussten aber nicht, wo sie all die wertvollen Stücke präsentieren könnten. So fiel die Wahl auf Eymaels Scheune, die gerade frisch mit Reet gedeckt war. „Trotzdem gab es noch viel zu tun – Familie und Freunde wurden dafür eingespannt.
Und sogar einige meiner Studenten von der Seefahrtsschule, kräftige junge Männer, halfen mit. Das Wichtigste war, dass ich gut gekocht habe – für alle“, lacht Gabriele Eymael. Innerhalb von drei Tagen war alles ausverkauft, obwohl pro Person nicht mehr als zwei Arbeiten abgegeben wurden. Neben der Keramik wurden Objekte eines Architekten und Werke einiger Maler aus Wustrow gezeigt. Eigentlich sollte die Ausstellung einmalig sein, und in den nächsten Jahren blieben die Scheunentore tatsächlich geschlossen. Doch dann kam die Wende, und die Galerie erwachte zu neuem Leben.
Berühmte Namen im Freundeskreis
Die Besitzer hatten sich – unabhängig voneinander – schon immer zur Kunst hingezogen gefühlt. Peter Eymael stammt aus Wolgast nahe der Insel Usedom. Durch Zufall begegnete er dem bekannten Maler Otto Niemeyer-Holstein, der dort sein Atelier hatte. Daraus entstand eine jahrelange Freundschaft, die erst mit dem Tod des Malers 1984 endete. „Wir waren auch als Familie regelmäßig dort – das hat uns geprägt“, sagt Gabriele Eymael. Schon damals war vage die Idee entstanden, die Barnstorfer Scheune zum Ausstel-lungsraum zu machen. Aber es gab auch andere Freunde der Familie, die mit Kunst zu tun hatten, zum Beispiel eine Keramikerin und einen Metallgestalter. Sie kamen von selbst auf den Gedanken, hier ihre Werke zu zeigen und zu verkaufen. So folgte 1989 die zweite Ausstellung, für die sogar die Wiese neben der Scheune und der gegenüberliegende Acker genutzt wurden.
So verselbständigte sich das Projekt: „Wir kannten ein paar gute Leute, die ihrerseits gute Leute kannten.“ Auch zum Rostocker Kunstprofessor Jo Jastram kam ein dau-erhafter Kontakt zustande. Über die Jahre gab es mehrere Ausstellungen mit Werken von ihm selbst, seiner Frau Inge und seinem Neffen Thomas. Und er schlug etliche seiner Studenten für eine Ausstellung in Wustrow vor. Auch die renommierten Rostocker Maler Hannes Müller und Felix Büttner waren hier. Es gibt bis heute eine intensive Verbindung zur Kunsthochschule Dresden, und nach wie vor kommen auch Anfragen aus der Region. Oft sind Werke mehrerer Künstler gleichzeitig zu sehen.
Boote spielen auch heute noch eine große Rolle in der Kapitänsfamilie: Jochen Eymael hat das Zeesboot „Butt“ von Vater Peter übernommen, dann kam noch „Bill“ hinzu und im Sommer bietet er täglich Gästefahrten an. Dem alten Brauch zufolge bekommt Rasmus dabei immer seinen hochprozentigen Tribut. Boote segeln zuweilen auch durch den Skulpturengarten, wie hier „Das große Segel“ von Jo Jastram.
Eintrittspreis immer unverändert
Wer die ersten Ausstellungen sehen wollte, bezahlte eine Mark der DDR, später eine Deutsche Mark, heute einen Euro, Kinder haben freien Eintritt. „Wir wollen, dass jeder sich das leisten kann“, sagt die Senior-Chefin. Inzwischen leitet Toch-ter Riekje die Kunstscheune. Aber die Galerie ist und bleibt ein Unternehmen der ganzen Familie.Pro Saison, etwa von Ende Mai bis Mitte Oktober, gibt es zwei große Ausstellungen, die jeweils etwa zwei Monate zu sehen sind: Gemälde und Fotos, Bildhauerei und Keramik. Bei vielen Besuchern beliebt ist der ehemalige Hühnerstall, ein eher kleiner Raum, in dem auch Schmuck, Keramik und kleine Plastiken angeboten werden.
Über den Sommer kommen etwa 8.000 Gäste in die Kunstscheune, darauf ist Gabriele Eymael stolz: „Unter den Kunstaffinen Touristen, die in erster Linie nach Ahrenshoop kommen, heißt es, man muss auch bei uns in Barnstorf gewesen sein.“ Geheimtipp: Zu Ostern und Weihnachten gibt es kurze Ausstellungen auf der Diele des Hallenhauses. Und der Strandsand auf dem Fußboden der Scheune wird bis heute von der Gemeinde Wustrow zur Verfügung gestellt.
Dieser Artikel stammt aus dem Urlaubsmagazin Fischland-Darß-Zingst 2026.
Text: Dörte Rahming - wortlaut-rostock.de
Fotos: ©Voigt & Kranz UG - ostsee-kuestenbilder.de